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Baumweisheit

Kolumne FRISCHE BRISE OSTWIND
von Kirstin Ihlow für den Heimatverein Calau e.V.

Auch an grauen nebligen Wintertagen kann es sich lohnen, vor die Tür zu gehen. An der Werchower Straße steht eine uralte, knorrige Eiche. Noch hält sie an ihren welken Blättern fest. Sie ist stark zurückgeschnitten. Die Zeit ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie steht schon sehr lange da. Ihr Alter wird auf über 350 Jahre geschätzt. Blitzeinschlag, Pilzinfektionen und Braunfäule haben ihr schwer zugesetzt.
Was sie wohl schon alles gesehen hat? Menschen, die vorbeihasten, zu Fuß, hoch zu Ross oder solche wie mich, mit einem Fahrrad. Sie sieht alles, hört alles. Liebesgeflüster, Streitgespräche. Sogar Napoleon soll im Jahr 1813 in ihrer Nähe seine Pferde gewechselt haben, was ihr den Namen „Napoleoneiche“ einbrachte. Ob er sie eines Blickes gewürdigt hatte? Wahrscheinlich hatte er anderes im Kopf. Dabei muss sie damals eine echte Schönheit gewesen sein. Knapp 100 Jahre später wurde sie mit einem Umfang von 5,60 m notiert und inzwischen hat sie einen Umfang von 7,34 m. Von meiner Größe bräuchte man 5 Personen, um sie zu umfassen. Ganz schön in die Breite gegangen, die Gute. Sie ist inzwischen auf 8 m Höhe gestutzt und hat längst nicht mehr die Frische der Jugend, aber in ihrer Ausstrahlung liegt tiefe Weisheit.
Ihre Wurzeln reichen weit hinunter in den Erdboden. Standhaft hat sie allem getrotzt. Sie steht da, geduldig und still. Sie kommentiert nicht, sie urteilt nicht, sie klagt nicht an. Wenn man still ist, wird man sich der ganzen Würde dieses wunderbaren Baumes bewusst und erahnt den Hauch von Ewigkeit darin. Sie kann uns lehren, innezuhalten, ruhig zu werden und wenn es nur für einen Moment ist. Wie schön, dass Calau so ein Naturdenkmal hat.
Als man die Eiche 2019 stark zurückgeschnitten hatte, gab man ihr noch 10 Jahre. Ich denke, nicht nur ich würde mir wünschen, dass sie uns noch viele Jahre mehr erhalten bleibt.
 

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Veröffentlichung

Mi, 27. November 2024

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